28.06.2005  Arbeitsrecht • Rechtsprechung • 

Interview: Thomas Cook AG zur betrieblichen Mitbestimmung

Herr Dr. Volker Pöpel ist als Volljurist seit dem Jahr 2000 verantwortlicher Personalleiter Vertrieb bei der Thomas Cook AG in Oberursel. Herr Dr. Pöpel kommt von der Lufthansa-Tochter Condor. Die Thomas Cook AG ist ein integrierter Touristikkonzern mit europaweit 25.000 Mitarbeitern, der als Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa und KarstadtQuelle 1998 gegründet wurde.

avocado: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihrem Betriebsrat beschreiben?

 

Dr. Pöpel: Konstruktiv. Sicherlich gibt es auch mal kleinere Ausnahmen – insgesamt ist das Verhältnis aber konstruktiv. Wir haben im Unternehmen neun Betriebsräte und einen Gesamtbetriebsrat. Also die klassische Struktur eines in der Fläche operierenden Unternehmens.

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir keine ideologisierten Betriebsräte haben, d.h. Diskussionen über Weltanschauungen werden bei uns nicht geführt. Es gibt in der Regel nur sachliche Auseinandersetzungen.

avocado: Heißt das, dass üblicherweise auftretende Konflikte in Ihrem Unternehmen ausschließlich durch Verhandlungen gelöst werden?

Dr. Pöpel: Ja. Dies ist letztlich von der Erkenntnis getragen, dass man im Unternehmen gegen den Betriebsrat nichts, mit dem Betriebsrat aber fast alles bewegen kann.

avocado: Wie häufig kommt es in Ihrem Unternehmen zur Durchführung von Einigungsstellenverfahren?

Dr. Pöpel: Bei uns im Unternehmen sind Einigungsstellenverfahren höchst selten. Ich bin seit fünf Jahren im Unternehmen und habe hier noch nie ein Einigungsstellenverfahren mitgemacht. Das ist bei uns im Hause nicht Teil der Kultur.

avocado: Wie sieht es mit einstweiligen Verfügungsverfahren aus?

Dr. Pöpel: Über die Androhung sind wir nie hinaus gekommen. Es ist auch schon vorgekommen, dass bei uns im Hause mitbestimmungspflichtige Veränderungen mit Duldung des Sozialpartners umgesetzt wurden, bevor die entsprechende Betriebsvereinbarung zu Ende verhandelt war. Uns ist bewusst, dass das ein Vertrauensvorschuss ist, der uns als Arbeitgeberseite gewährt wird, und wir gehen damit verantwortungsvoll um. Wir hatten bisher auch kein ernstes Problem, z.B. technische Innovationen oder Veränderungen umzusetzen, und zwar zu dem Zeitpunkt, den wir uns vorgenommen hatten.

avocado: Sehen Sie Vorteile in der betrieblichen Mitbestimmung und wenn ja, worin?

Dr. Pöpel: Der Vorteil besteht sicherlich darin, dass Entscheidungen, die Auswirkungen auf die Mitarbeiter haben, leichter umgesetzt werden können, wenn sie in Kenntnis und auch mit Unterstützung der Arbeitnehmervertretungen getroffen werden.

avocado: ...weil die Arbeitnehmer sie dann besser annehmen können?

Dr. Pöpel: Exakt. Es fällt dann sehr viel schwerer, alles auf „Die da oben“ zu schieben, weil die Arbeitnehmervertretung von vornherein mit eingebunden war. Der sonst übliche Vorwurf, dass über die Köpfe hinweg entschieden und keiner die Hintergründe kennen würde, läuft dann ins Leere.

avocado: Worin sehen Sie die Nachteile?

Dr. Pöpel: Die Nachteile sind einmal natürlich im Zeitfaktor zu sehen. Sie müssen eine Menge Zeit investieren, da Sie erst einmal Überzeugungsarbeit leisten müssen. Sie müssen auf der Arbeitnehmerseite auch eine gewisse Wissensgleichheit schaffen, bevor Sie in eine richtige Sachdebatte eintreten können, und das kostet Zeit.

Mit dem Stichwort Kosten ist ein weiterer Nachteil angesprochen. Betriebliche Mitbestimmung kostet viel Geld. Das ist vor allem eine Bürde für kleinere Unternehmen. Wir als Konzerne können solche Kosten leichter verkraften. Schwerer hat es da auf jeden Fall der Mittelstand in Deutschland.

avocado: Wenn Sie konkrete Mitbestimmungsrechte oder Beispiele aus Ihrer täglichen Praxis im Umgang mit dem Betriebsrat überdenken, was würden Sie gerne verändern?

Dr. Pöpel: Es gibt sicherlich Mitbestimmungsrechte aus dem Katalog des § 87 BetrVG, die die Flexibilität im Unternehmen erheblich einschränken. Ich denke da z.B. an das Thema Arbeitszeit: Wir haben in Deutschland viele Betriebe, z.B. Reisebüros in Einkaufszentren. Hier sind wir häufig per Mietvertrag verpflichtet, unsere Öffnungszeiten an die Öffnungszeiten des Einkaufscenters anzupassen, was fast immer heißt: zu verlängern bzw. auch am Wochenende zu öffnen. Wenn ich einen Betriebsrat hätte, der solchen Notwendigkeiten nicht zugänglich ist, dann hätte ich mit § 87 BetrVG ein großes Problem. Diese Mitbestimmungsrechte können eine schnelle Anpassung an die Marktgegebenheiten verhindern und sind daher eine Gefahr für das Unternehmen, wenn Sie auf der anderen Seite keine verantwortungsbewussten Betriebsräte haben.

avocado: Es gibt bestimmt viele Unternehmen, in denen die betriebliche Mitbestimmung nicht so gut läuft, wie Sie es für Ihr Unternehmen schildern. Was würden Sie solchen Unternehmen raten, um einen konstruktiven Umgang mit dem Betriebsrat zu erreichen?

Dr. Pöpel: Ganz wichtig ist es, schlichtweg zu akzeptieren, dass die Betriebsräte über bestimmte Rechte verfügen und eine „Kopf-durch-die-Wand-Politik“ oft nur zu Blessuren führt und nicht zur Problemlösung beiträgt. Unternehmen sollten die Betriebsräte als das akzeptieren, was sie sind. Sie sollten ihre Betriebsräte aber auch für ihre Verantwortung gegenüber dem Unternehmen sensibilisieren. Betriebsräte sind nicht allein nur eine Vertretung der Arbeitnehmer, sondern sie sind auch eine Institution des Unternehmens und stehen damit in einer Gesamtverantwortung für Mitarbeiter und Unternehmen.

avocado: Vielen Dank für das Gespräch.